Die Geschichte des Seifensiedens – Von Asche, Öl und Geduld
Am Anfang stand vermutlich kein Plan, sondern eine Beobachtung. Dort, wo Feuer brannte, blieb Asche zurück. Vermischte sie sich mit Regenwasser und tierischen Fetten aus Kochstellen, entstand eine seltsam reinigende Substanz. Ohne es zu wissen, hatten die Menschen das Prinzip der Verseifung entdeckt: Alkali aus Asche verbindet sich mit Fett – und etwas Neues entsteht.
Schon in der Antike wurde dieses Wissen gezielt genutzt. Die Sumerer kannten um 2500 v. Chr. Mischungen aus Pflanzenasche und Ölen. Auch die Römer beschrieben seifenähnliche Substanzen. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere erwähnte im 1. Jahrhundert n. Chr. eine aus Talg und Asche hergestellte „Sapo“. Diese frühen Seifen dienten weniger der Körperpflege als vielmehr der Reinigung von Textilien oder medizinischen Zwecken. Sie waren weich, oft dunkel und von kräftigem Geruch.
Im Mittelalter entwickelte sich das Seifensieden zu einem eigenen Handwerk – allerdings zu einem, das man lieber am Rand der Stadt ansiedelte. Der Grund war schlicht: Es roch streng. Verarbeitet wurden Schlachtabfälle, tierische Fette und Laugen aus Holzasche. Das Kochen der großen Kessel dauerte Tage. Hitze, Rauch und Geruch prägten das Bild der Seifensieder, die dennoch ein unverzichtbares Produkt herstellten.
Parallel dazu entstand im Mittelmeerraum eine andere Tradition. Dort, wo Olivenöl reichlich vorhanden war, entwickelten sich hochwertige Ölseifen. Städte wie Aleppo und Marseille wurden zu Zentren der Seifenherstellung. Die berühmten Aleppo- und Marseiller Seifen basieren auf der sogenannten Heißverseifung: Öle werden über viele Stunden oder Tage bei hohen Temperaturen mit Lauge verkocht. Es entstehen feste Kernseifen, die anschließend monatelang reifen können. Diese Seifen sind puristisch – traditionell ohne Duft- oder Farbstoffe – und zeichnen sich durch ihre lange Haltbarkeit aus.
Mit der Industrialisierung veränderte sich die Herstellung grundlegend. Aus der Heißverseifung entwickelte sich das großindustrielle Feinseifenverfahren: Zunächst wird eine neutrale Kernseife produziert, anschließend getrocknet, zu Pulver oder Flocken vermahlen und erneut verarbeitet. Dabei werden rückfettende Substanzen, Farbstoffe, Duftstoffe oder pflegende Zusätze eingearbeitet. Dieses Verfahren erlaubt eine sehr gleichbleibende Qualität und große Produktionsmengen. Industriell hergestellte Seifen oder seifenähnliche Waschstücke werden häufig auf einen pH-Wert von etwa 7 oder darunter eingestellt – also nahe am natürlichen pH-Wert der Haut.
Wir hingegen arbeiten nach dem traditionellen Kaltrührverfahren. Dabei werden ausgewählte Fette und Öle möglichst schonend – bei etwa 45 °C – mit Natronlauge verbunden. Anders als bei der Heißverseifung findet die eigentliche Reaktion nicht im kochenden Kessel statt. Unsere Seife „geht schlafen“: In gut isolierten Formen durchläuft sie innerhalb von ein bis zwei Tagen die sogenannte Gelphase. In dieser Zeit vollzieht sich die Verseifung – Fette und Lauge verbinden sich vollständig zu Seife und natürlichem Glycerin.
Nach dem Ausformen beginnt die Geduldsarbeit. Vier bis acht Wochen Reifezeit benötigt die Seife, um ihre endgültige Festigkeit zu entwickeln und einen stabilen, hautverträglichen pH-Wert zu erreichen. Dieser liegt bei etwa 8,5 bis 9 – also im basischen Bereich. Das ist typisch für echte, traditionell hergestellte Seifen.
So verbindet jedes Stück Seife Jahrtausende alten Erfahrungsschatz mit sorgfältiger Handarbeit. Von der zufälligen Entdeckung der Asche-Fett-Mischung am Lagerfeuer bis zur heutigen Manufakturarbeit ist eines gleichgeblieben: Seife entsteht nicht durch Eile, sondern durch Wissen, Sorgfalt – und Zeit.
Unterschiedliche Arten der Seifenherstellung
Warum ist handgesiedete Seife weicher als industrielle Seife?
Diese Frage hören wir häufig. Viele Menschen sind es gewohnt, dass ein Seifenstück hart wie ein Stein ist, kaum nachgibt und selbst nach längerem Gebrauch seine feste Form behält. Unsere kaltgerührten Seifen fühlen sich dagegen oft etwas geschmeidiger an. Das hat gute Gründe – und sie liegen im Herstellungsverfahren.
Kernseife – der „harte Kern“
Die klassische Kernseife entsteht durch ein Verfahren namens „Aussalzen“. Nach der Verseifung wird der Seifenleim mit Kochsalz versetzt. Dabei trennt sich der sogenannte Seifenkern von der übrigen Flüssigkeit. In dieser Flüssigkeit befindet sich unter anderem das bei der Verseifung natürlich entstehende Glycerin, das abgeschöpft wird.
Zurück bleibt eine sehr reine, feste Seifenmasse mit hoher Stabilität. Durch das Aussalzen wird die Seife härter, homogener und lange haltbar. Ihr pH-Wert liegt meist im Bereich von etwa 7 oder leicht darüber – also deutlich neutraler als klassische Naturseifen. Kernseifen gelten als antiseptisch und stark reinigend. Sie können bei bestimmten Anwendungen sinnvoll sein, etwa beim Entfernen von Holzsplittern oder zur kräftigen Reinigung. Für die tägliche, pflegende Hautreinigung sind sie jedoch aufgrund ihrer entfettenden Wirkung nicht immer die erste Wahl.
Heißverseifung in Marseille – Reinheit durch Kochen
Die berühmte Marseiller Seife wird traditionell im Kessel über mehrere Tage heiß verseift. Dabei werden Pflanzenöle – klassisch Olivenöl – bei hohen Temperaturen mit Lauge verkocht. Auch hier erfolgt am Ende ein Aussalzen, wodurch eine sehr reine, feste Kernseife entsteht. Sie enthält kein natürliches Glycerin mehr, da dieses im Produktionsprozess abgetrennt wird.
Die Festigkeit dieser Seifen ist also nicht nur eine Frage der Rezeptur, sondern vor allem des technischen Verfahrens: hohe Temperaturen, langes Kochen, Trennung von Glycerin und anschließende Trocknung ergeben ein besonders hartes Produkt.
Aleppo – Geduld als Härtefaktor
Die traditionelle Alepposeife wird ebenfalls heiß verseift. Ihre besondere Härte entsteht jedoch vor allem durch eine außergewöhnlich lange Reifezeit. Nach dem Sieden lagern die Seifenblöcke oft ein bis zwei Jahre in gut belüfteten Räumen. Während dieser Zeit verliert die Seife kontinuierlich Wasser, oxidiert an der Oberfläche und wird zunehmend härter – bis sie am Ende beinahe steinartig wirkt.
Hier ist es also weniger das Entfernen von Bestandteilen als vielmehr der langsame Feuchtigkeitsverlust über viele Monate, der zur extremen Festigkeit führt.
Kaltverseifung – Pflege braucht Glycerin und Überfettung
Unsere Seifen entstehen im Kaltrührverfahren. Fette und Öle werden bei etwa 45 °C mit Natronlauge verbunden. Die Verseifung vollzieht sich anschließend in der sogenannten Gelphase, während die Seife in ihren Formen ruht. Das natürlich entstehende Glycerin bleibt vollständig im Produkt enthalten.
Und genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied:
Glycerin ist ein Feuchthaltefaktor. Es bindet Wasser – auch in der fertigen Seife. Dadurch bleibt sie geschmeidiger.
Hinzu kommt die bewusste Überfettung. Wir rechnen je nach Anwendungsbereich mit etwa 4–8 % Überfettung. Das bedeutet: Ein kleiner Teil der hochwertigen Öle wird nicht verseift und verbleibt als pflegender Bestandteil im Seifenstück. Diese freien Öle unterstützen die Hautpflege – machen die Seife aber ebenfalls weicher als eine ausgesalzene Kernseife.
Kurz gesagt:
Was industrielle oder ausgesalzene Seifen härter macht – das Entfernen von Glycerin und freien Fetten – belassen wir bewusst in unserer Seife.
Warum gute Lagerung wichtig ist
Naturseifen enthalten also:
- natürliches Glycerin
- einen Überfettungsanteil
- mehr gebundenes Wasser
Deshalb sollten sie nach der Benutzung immer gut abtropfen und trocknen können. Liegen sie dauerhaft im Wasser oder auf einer glatten, geschlossenen Seifenschale, weichen sie auf. Eine gut belüftete Ablage oder eine Seifenschale mit Ablauf verhindert dieses „Matschigwerden“.
Man könnte sagen:
Unsere Seifen sind nicht weicher, weil sie weniger können – sondern weil sie mehr enthalten.
Festigkeit ist kein Qualitätsmerkmal an sich. Sie ist das Ergebnis technischer Verarbeitung. Geschmeidigkeit hingegen ist oft das Ergebnis bewusster Entscheidung für Pflege.
Und genau diese Entscheidung treffen wir bei jedem einzelnen Stück.
Reifezeit, pH-Wert und der Unterschied zu „seifenfreien“ Waschstücken
Was passiert eigentlich in der Reifezeit?
Nach dem Ausformen ist unsere Seife zwar chemisch bereits Seife – aber noch nicht fertig.
In den folgenden vier bis acht Wochen geschieht Entscheidendes:
1. Wasser verdunstet.
Frisch gesiedete Seife enthält noch relativ viel Wasser. Während der Reifezeit verliert sie kontinuierlich Feuchtigkeit. Dadurch wird sie fester, ergiebiger und langlebiger. Eine gut gereifte Seife fühlt sich kompakter an und nutzt sich langsamer ab.
2. Die Verseifung vollendet sich.
Auch wenn die Gelphase den Hauptteil der Reaktion bereits abgeschlossen hat, laufen in den ersten Tagen noch feine Nachreaktionen ab. Restliche Laugenanteile reagieren vollständig mit den Fetten.
3. Der pH-Wert sinkt deutlich.
Zu Beginn – direkt nach dem Anrühren – liegt die Natronlauge bei einem pH-Wert von etwa 14. Das ist stark alkalisch und selbstverständlich nicht hautgeeignet. Während der Verseifung wird die Lauge jedoch chemisch gebunden: Aus Fett und Natriumhydroxid entstehen Seife und Glycerin. Mit fortschreitender Reaktion sinkt der pH-Wert deutlich ab und stabilisiert sich nach der Reifezeit im Bereich von etwa 8,5–9.
Dieser leicht basische Bereich ist typisch für echte Seife – und chemisch nicht weiter „neutralisierbar“, ohne sie in ihrer Struktur zu verändern.
Die Reifezeit ist also kein romantischer Luxus, sondern ein Qualitätsmerkmal. Sie entscheidet über Härte, Milde und Gebrauchseigenschaften.
Der pH-Wert – und was er für die Haut bedeutet
Es stimmt: Die menschliche Hautoberfläche ist leicht sauer. Dieser sogenannte Säureschutzmantel wird häufig als Argument für pH-neutrale oder saure Reinigungsprodukte verwendet.
Wichtig ist jedoch zu verstehen:
Die Haut ist ein lebendiges Organ. Ihr natürlicher pH-Wert stellt sich nach einer Reinigung in der Regel selbstständig wieder ein – ganz gleich, ob sie zuvor mit Wasser, Seife oder einem anderen Reinigungsprodukt gewaschen wurde.
Wir arbeiten mit bewusst basischer Seife. Warum?
Basische Pflege geht von einem natürlichen Ausgleich aus:
Saure Haut trifft auf basische Seife – nach dem Abspülen reguliert sich die Hautoberfläche eigenständig zurück in ihren leicht sauren Bereich. Dieser Prozess gehört zur natürlichen Funktion gesunder Haut.
Eine echte, überfettete Naturseife mit enthaltenem Glycerin wirkt dabei nicht nur reinigend, sondern hinterlässt durch ihre Rückfettung auch pflegende Bestandteile auf der Haut.
Unser Ansatz ist daher nicht „gegen“ den sauren pH-Wert gerichtet – sondern vertraut auf die Regulationsfähigkeit der Haut.
Echte Seife und seifenfreie Waschstücke – wo liegt der Unterschied?
Im Handel finden sich neben klassischen Seifen viele sogenannte „seifenfreie“ Waschstücke. Diese basieren in der Regel auf synthetisch oder halbsynthetisch hergestellten Tensiden. Chemisch betrachtet sind sie keine Seifen, sondern waschaktive Substanzen, die meist pulverförmig produziert und anschließend zu festen Stücken gepresst werden.
Ihr Vorteil liegt unter anderem in der freien Einstellbarkeit des pH-Wertes – häufig im hautneutralen Bereich um 5,5–7. Außerdem reagieren sie anders mit kalkhaltigem Wasser und bilden keine Kalkseife.
Echte Seife hingegen ist – chemisch definiert – das Natriumsalz einer Fettsäure. Sie entsteht ausschließlich durch Verseifung von Fetten oder Ölen mit Lauge. Ihr Charakter, ihr pH-Bereich und auch ihr Hautgefühl unterscheiden sich grundlegend von Tensidprodukten.
Beides sind legitime Reinigungsformen.
Der Unterschied liegt nicht in „besser“ oder „schlechter“, sondern im Herstellungsprinzip und in der Philosophie dahinter.
Wir haben uns bewusst für die traditionelle Seife entschieden – mit Reifezeit, natürlichem Glycerin, Überfettung und einem leicht basischen pH-Wert. Andere Menschen entscheiden sich für tensidbasierte Produkte. Wichtig ist aus unserer Sicht vor allem eines: den Unterschied zu kennen und eine informierte, bewusste Wahl zu treffen.
Was bedeutet das für meine Haut?
Eine handgesiedete, überfettete Naturseife reinigt anders als viele industrielle Waschprodukte.
Durch den leicht basischen pH-Wert löst sie Schmutz und überschüssiges Hautfett gründlich. Gleichzeitig verbleiben durch die Überfettung (4–8 %) kleine Anteile nicht verseifter Öle auf der Haut. Auch das natürlich entstandene Glycerin bleibt vollständig enthalten. Beides unterstützt die Haut dabei, nach der Reinigung nicht „ausgetrocknet“ zu wirken.
Das Hautgefühl kann sich deshalb anders anfühlen als bei pH-neutralen Tensidprodukten:
etwas klarer, manchmal „quietschend sauber“, aber nicht zwangsläufig spannungsvoll – vorausgesetzt, die Rezeptur ist ausgewogen und die Haut gesund.
Wichtig ist zu wissen:
Eine echte Seife verändert den pH-Wert der Haut kurzfristig. Die Haut reguliert sich jedoch selbstständig zurück in ihren natürlichen Bereich. Dieser Prozess gehört zur normalen Hautphysiologie.
Für viele Menschen bedeutet das:
- weniger synthetische Zusatzstoffe
- keine getrennte Glycerinentnahme
- eine überschaubare, transparente Rezeptur
- eine bewusste Entscheidung für traditionelle Herstellung
Für sehr empfindliche oder barrieregestörte Haut können tensidbasierte Produkte sinnvoller sein. Auch das ist eine legitime Wahl. Hautpflege ist individuell.
Was bedeutet das für die Umwelt?
Auch hier liegt der Unterschied im Herstellungsprinzip.
Echte Seife entsteht aus Fetten oder Ölen und Lauge – sie basiert auf einer klar definierten chemischen Reaktion. Das natürlich entstehende Glycerin bleibt im Produkt. Es entsteht kein zusätzlicher Nebenstrom, der getrennt weiterverarbeitet werden muss.
Seife ist biologisch gut abbaubar. Gelangt sie ins Abwasser, wird sie in ihre natürlichen Bestandteile zerlegt. In Verbindung mit kalkhaltigem Wasser entstehen unlösliche Kalkseifen, die sich in Kläranlagen leicht abscheiden lassen.
Tensidbasierte Waschstücke beruhen auf anderen chemischen Strukturen. Auch sie können gut abbaubar sein – je nach Art des Tensids – entstehen jedoch durch mehrstufige industrielle Prozesse.
Für viele Kundinnen und Kunden spielt zudem eine Rolle:
- lange Reifezeit statt energieintensiver Nachbearbeitung
- kein nachträgliches Aussalzen und keine Glycerinentnahme
- überschaubare Rohstofflisten
- Verpackungsreduktion durch feste Form
Naturseife ist kein perfektes Produkt – aber sie ist ein sehr altes, sehr einfaches und sehr transparentes.
Was nehme ich als Kundin oder Kunde mit?
Vielleicht vor allem dies:
- Härte ist kein Qualitätsmerkmal – sondern eine Frage des Verfahrens.
- Ein basischer pH-Wert ist kein Mangel – sondern eine Eigenschaft echter Seife.
- Weichheit entsteht hier durch Pflegebestandteile, nicht durch mindere Qualität.
- Unterschiedliche Reinigungsprodukte verfolgen unterschiedliche Konzepte.
Am Ende steht keine Ideologie, sondern eine informierte Entscheidung.
Manche Menschen schätzen die industrielle Präzision und pH-neutrale Einstellung moderner Waschstücke.
Andere entscheiden sich bewusst für gereifte, überfettete Naturseife mit all ihren traditionellen Eigenschaften.
Unser Anliegen ist nicht zu bewerten – sondern transparent zu erklären.
Denn gute Entscheidungen entstehen aus Verständnis.
Am Ende geht es für uns nicht um Trends oder Versprechen, sondern um Substanz. Seife ist für uns kein modisches Produkt, sondern ein gewachsenes Handwerk. Wir arbeiten mit dem, was wesentlich ist: ausgewählten Fetten und Ölen, Zeit, Wissen und Sorgfalt. Wir greifen nicht beschleunigend ein, wo Geduld Qualität entstehen lässt. Unsere Seifen dürfen in Ruhe reifen, dürfen ihren Charakter entwickeln – und wirken durch das, was sie sind, nicht durch das, was man ihnen nachträglich zusetzt.
Natürliches Seifenhandwerk.
Reduziert auf das Wesentliche.
In Ruhe gesiedet. Mit Wirkung gedacht.